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Mein Kommentar zum #Brexit und Auswirkungen auf die Startup- und Gründerszene

Flag of EuropeObwohl in Großbritannien der Kampf um Stimmen für oder gegen den den Austritt aus der EU seit vielen Monaten läuft, irgendwie konnte sich niemand so richtig vorstellen, dass der Brexit tatsächlich kommen wird, vor allem nach den letzten Umfrage-Werten. Ich selbst dachte, “wird schon irgendwie gut gehen”. Nun ist er tatsächlich da und ganz Europa steht unter Schock.

Bis zuletzt konnte ich es tatsächlich nicht glauben, dass UK wirklich so naiv sein würde und in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung gegen jegliche rationale Gründe und Vernunft für den Brexit stimmen wird, um wieder ihr eigenes Ding zu machen wie damals in guten alten Commonwealth Zeiten. Umso mehr Unverständnis habe ich, wenn ich lese dass sich jetzt viele Protestwähler wünschen, sie hätten anders gewählt.

Ich bin Jahrgang 1986 und gehöre damit zur ersten Generation, die sich nicht mehr wirklich an ein Europa mit Grenzkontrollen erinnern kann. Mauerfall und Schengen-Abkommen sei Dank. Meine und v.a. die nachfolgenden, jüngeren Generationen sind in einem friedlichen und freien Europa auf- und zusammengewachsen.

Seit knapp 2 Jahren lebe und arbeite ich in Südostasien und erlebe das Ganze derzeit quasi als “Außenstehender”. Von hier aus entwickelt man nochmal eine ganz neue Sichtweise auf “zu Hause”. Irgendwie fühlt man sich als Europäer, nicht als Deutscher. Ich denke das liegt zum einen an der Expat-Community, in der sich viele Ausländer aus unterschiedlichsten Ländern kennen lernen, austauschen und zusammen Spaß haben und zum anderen an der allgemeinen Pauschalisierung. Egal ob man nun Deutscher, Franzose oder Spanier ist, hier gilt man als “Westlicher” und fühlt sich auch entsprechend. Alle Engländer, die ich hier in Asien kenne, sind absolut schockiert von dem Wahlausgang und schämen sich richtig für diese Engstirnigkeit. Vermutlich gehören diese aber eher zu den weltoffenen 48% der Remain-Wähler.

Ich denke, so wie mir geht es auch vielen anderen jungen Europäern. Man genießt die (Bewegungs-)Freiheit, die es so vor ein paar Jahrzehnten nicht gab, fühlt sich aber trotz der Vielfalt und Unterschiede wie eine große Familie. Weltoffen und unzählige Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung. Wir sind groß geworden mit Interrail, Erasmus Studenten-Programmen und Auslands-Studium. Man darf auch nicht vergessen, dass die Vorgänger der EU als großes Friedensprojekt nach zwei verheerenden Weltkriegen gegründet wurde. Vorher gab es keine derart lange Zeit ohne Kriege und Kämpfe. Von daher finde ich es sehr schade und traurig, dass es tatsächlich soweit kommt und die junge britische Generation, die sich den Wahlergebnissen nach offenbar ebenfalls sehr europäisch und weltoffen fühlt, von einer alten, rückständigen Generation überstimmt wurde, die sich die gute alte Zeit des British Empire’s zurück wünscht.

Natürlich ist in der EU nicht alles perfekt. Wir haben in Brüssel ein bürokratisches Monster geschaffen, dass sich nun auf eine bessere Einheit und die ursprünglichen Werte verständigen und zusammenrücken sollte. Der tatsächliche Brexit wird zwar noch einige Zeit dauern und die Folgen für alle Beteiligten sind noch überhaupt nicht absehbar, aber wenn es eines gibt, was Unternehmen und Investoren abschreckt ist es schwebende Unsicherheit.

Bereits am Tag nach dem Referendum wird klar, dass diese Unsicherheit sehr groß ist und sich einiges verändern wird. Banken denken laut darüber nach, auf’s europäische Festland zu ziehen, was den Finanzplatz Frankfurt stärken wird. Zahlreiche Startups und VCs, die auf große, einheitliche Märkte und stabile Regelungen angewiesen sind, werden sich ebenfalls eher in Richtung europäischen Kontinent orientieren und Berlin wird vermutlich London tatsächlich bald als Startup-Hauptstadt Europa’s ablösen und Fachkräfte dorthin abwandern. Ironischerweise sind damit die Briten dafür verantwortlich, dass Deutschland’s Position innerhalb der EU noch stärker wird, was immer wieder gern als Argument im Brexit-Wahlkampf verwendet wurde.

Wenn ich die zahlreichen Kommentare oder Aussagen von Gründern auf Gründerszene oder Deutsche-Startups lese, zeigen bereits jetzt alle Aussagen in die selbe Richtung: Startups sind auf “große Märkte angewiesen”, “viele reden bereits vom Umzug”, internationale Geschäfte sind an stabile Währungen gekoppelt, “der unkomplizierte Zugang zum europäischen Binnenmarkt fällt weg”, “Städte wie Berlin oder Paris erscheinen als europäisches Drehkreuz attraktiver als London”.

Mein persönliches Fazit: Ich vermute gerade Deutschland wird der Brexit nicht so sehr weh tun, v.a. Deutschland als Startup- und Gründerstandort wird dadurch sogar deutlich profitieren. Trotzdem finde ich es sehr schade des Europäischen Gedankens wegen. Es gab in den letzten Jahren schon zu viele Krisen, die gezeigt haben, dass wir in einer veränderten Welt leben, in der man nur zusammen stark ist. Kleinstaatlicherei wird uns nicht weiter bringen. Ich denke, UK hat sich selbst damit keinen Gefallen getan. Aber wenn die Mehrheit der Briten offenbar aus der EU raus will, dann müssen sie auch mit allen Konsequenzen leben, sorry.

Bildquelle: Wikimedia

Kommentare (1)

  1. André Panné - Antworten

    25. Juni 2016 at 22:19

    SEhr gut geschrieBen, mein alTer Co-Founder!

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